Gleichberechtigung – Was passiert, wenn das Thema aus den Schlagzeilen ist?
Vor gut zwei Wochen fand der Weltfrauentag statt. Viele Organisationen nahmen diesen zum Anlass, um ihre eigene Position zum Thema Gleichberechtigung der Frau mit der Öffentlichkeit zu teilen. Die Sozialen Medien waren voll von inspirierenden Geschichten und klarer Bekennung zur Chancengleichheit. Doch was passiert, wenn das Thema wieder aus den News verschwunden ist? Was passiert, wenn niemand mehr hinschaut?
Gleichberechtigung – eine Top-Priorität auf der Führungsagenda
An einem Tag wie dem Weltfrauentag bekennen sich CEOs und Führungskräfte aus den verschiedensten Unternehmen und aller Welt mit mutigen Zitaten zur Gleichstellung von Frauen im Berufsalltag. Einigen ist es sehr ernst. Für andere wiederum geht es lediglich um PR. Dabei sind sich alle einig, dieses Thema gehört zu den Top-Prioritäten auf jeder zukunftsorientierten Führungsagenda. Und dennoch stehen wir am Ende eines solchen Tages mit der Frage da: «Wo ist denn nun tatsächlich überall Gleichberechtigung drin, wo’s draufsteht?» Hierzu ein paar Beobachtungen und weiterführende Gedanken, die sich primär auf die Gleichstellung der Frau fokussieren. Dies im Wissen, dass sämtliche andere Minderheiten, die hier nicht explizit erwähnt werden, ebenfalls vom Thema Gleichberechtigung betroffen sind.
Kultur kann nicht delegiert werden
Wenn die Unternehmensführung das Thema Gleichstellung der Frau nicht bereits verinnerlicht und als Teil der Kultur in der Organisation verankert hat, erlebe ich oft, dass es an die HR-Abteilung «delegiert» wird. Die Führungsetage hat zwar erkannt, dass das Thema eine Priorität ist, aber was das genau für ihr persönliches Verhalten bedeutet, bleibt aussen vor. Die HR-Spezialisten sollen doch mal ein Konzept dazu erstellen, wie die Gleichstellung der Frau besser vorangetrieben werden könnte, damit man den aktuellen und potenziellen Mitarbeitenden zeigen kann, dass man sich als Organisation um das Thema kümmert. Was sich in einer Unternehmenskultur verankern soll, kann jedoch nicht delegiert werden. Konzepte zur Umsetzung helfen nur dann, wenn sie von oben mitgetragen werden.
Verhalten kommt vor Kommunikation
In einem nächsten Schritt oder bereits parallel wird die Kommunikationsabteilung involviert. Sie soll möglichst kontinuierlich über Rollenmodelle und Erfolgsgeschichten berichten. Dies geschieht in den meisten Fällen viel zu früh, also bevor sich das Verhalten der Unternehmensführung tatsächlich geändert hat und es innerhalb der Organisation immer noch Beispiele für eine ungerechtes Verhalten gegenüber Frauen gibt, das keine Konsequenzen hat. Dies wiederum führt dazu, dass jegliche Kommunikation zum Thema Gleichberechtigung unglaubwürdig wirkt. Es entsteht vielerorts in der Organisation ein Misstrauen, sobald über dieses Thema gesprochen wird.
Es braucht ein Rebranding des männlichen Teilzeitmitarbeiters
Dazu beobachte ich vielerorts, dass das Thema Gleichberechtigung oft zu einseitig angegangen wird. In der guten Absicht, Frauen zu fördern, wird zu stark auf Gefässe und Kommunikationsplattformen fokussiert, die in erster Linie nur für Frauen erstellt werden. Zwar immer mit dem Vermerk «auch Männer sind willkommen», aber ohne strategisch auf die Einbindung der Männer in dieser Diskussion zu setzen. Dabei bräuchte es genauso auch Gefässe und Kommunikationsplattformen, welche das Thema Gleichstellung aus der männlichen Perspektive betrachten – zusammen mit Frauen. Einige Organisationen sind auf diesem Weg, aber viele haben das Rebranding des männlichen Teilzeitmitarbeiters tatsächlich noch vor sich.
Frauenförderung betrifft nicht nur Mütter
Und nicht zuletzt, betrifft die Gleichstellung der Frau nicht nur Mütter, die gleichzeitig Karriere machen wollen. Es gibt auch zahlreiche Frauen, die keine Familie haben und trotzdem nicht gleichgestellt sind mit ihren männlichen Arbeitskollegen. Diese werden oft zu wenig berücksichtigt, was wiederum die einseitige Betrachtungsweise der Gleichberechtigung verstärkt und dazu führt, dass sich auch bestimmte Frauen selbst in dieser Diskussion ausgeschlossen fühlen.
Was können Unternehmen tun?
Wenn ein Unternehmen das Thema Gleichberechtigung der Frau tatsächlich angehen will, dann helfen folgende Grundsätze:
1) Die Führung scheut sich nicht davor, das Thema Chancengleichheit vollumfänglich auf den Tisch zu bringen.
2) Die Führung zeigt mit ihrem Verhalten zu jeder Zeit, dass Chancengleichheit die oberste Maxime ist.
3) Ungerechtes Verhalten gegenüber Frauen hat Konsequenzen. Ungerechtes Verhalten gegenüber Männern (oder anderen Gruppierungen) ebenso.
4) Männer werden genauso in die Diskussion der Gleichstellung mit einbezogen wie Frauen.
5) Nicht-Mütter werden genauso in die Diskussion der Gleichstellung mit einbezogen wie Mütter.
Wie die Gleichstellung der Frau in einer Organisation tatsächlich gelebt wird, zeigt sich letztlich erst dann, wenn der Weltfrauentag längst vorbei ist – dann, wenn Chancengleichheit zum echten Unternehmenswert geworden ist, der auch dann gelebt wird, wenn niemand mehr hinschaut.
Einige Organisationen zeigen grosse Fortschritte, aber es bleibt noch viel zu tun. Und es geht nur gemeinsam.



