Die nächste Generation Führung braucht keine Follower
Während die Corona-Krise den Fortschritt der Digitalisierung vielerorts massiv beschleunigt hat, forciert sie auch ein Umdenken des Führungsverhaltens. Dass die Anwesenheitszeit an einem physischen Arbeitsplatz kein entscheidendes Beförderungskriterium mehr sein kann und die Mitarbeitenden mindestens genauso effizient (wenn nicht noch effizienter) von zuhause arbeiten, haben mittlerweile die meisten verstanden. Aber obwohl das Bedürfnis nach agileren Organisationsformen stetig zunimmt, bleiben viele Unternehmen immer noch in ihrer pyramidalen Führungsstruktur stecken. Dabei bin ich stark davon überzeugt, dass Selbstorganisation mehr als nur ein Hype ist und Selbstführung zum entscheidenden Skill von zukünftigen Arbeitnehmern wird.
Mehr Mut zum Aufbruch von traditionellen Führungsstrukturen
Seit ich mich im Zusammenhang mit Next Generation Leadership noch stärker mit neuen Führungsstrukturen und «new leadership» beschäftige, stelle ich immer wieder folgendes fest: Viele Organisationen wollen zwar agil und innovativ sein, sind aber (noch) nicht bereit, ihre pyramidale Führungsstruktur konsequent aufzubrechen und ihre Prozesse fundamental zu überdenken. Design Thinking und Lego Serious Play Workshops ja – aber bitte keine Strukturanpassungen oder Veränderungen des Bonussystems. Das tut weh!
Wer will sich schon selbst abschaffen?
Der Gedanke, die Führung auf verschiedene Führungspersönlichkeiten zu verteilen mag zwar positiv aufgenommen werden, aber wenn es um radikale Ansätze geht – wie zum Beispiel sich selbst als Führungskraft abzuschaffen und wirklich jeden im Team zum Selbstführer zu machen – dann kommt sofort Widerstand: «Irgendjemand muss doch die Entscheidungsmacht haben! Selbstorganisation ist ja schön und gut, aber wenn’s hart auf hart kommt, dann muss jemand da sein, der entscheiden kann. Ausserdem ist nicht jeder die geborene Führungskraft und Führung muss ja schliesslich auch gelernt werden.»
VUCA-Welt verlangt schnellere Reaktionszeiten
Dass Entscheidungswege in einer pyramidalen Führungsstruktur oft viel zu lange sind und der Druck, schneller auf aktuelle Marktbedürfnisse reagieren zu können, in der heutigen VUCA-Welt stetig zunimmt, haben jedoch die meisten erkannt. Doch der Leidensdruck ist für viele einfach noch nicht hoch genug.
Selbstorganisation wird oft noch belächelt
Dabei werden holokratische oder selbstorganisierte Organisationsformen oft belächelt. «Das kann ja gar nicht funktionieren, der Mensch will Führung, die Jungen ebenso.» Traditionelle Strukturen werden in Anbetracht der extremen Form sofort gerechtfertigt. Doch ich denke gerade diese Auseinandersetzung ist von elementarer Bedeutung, wenn es darum geht, die Akzente für eine zukünftige Führung zu setzen. Nur eine Diskussion, die deutlich ausserhalb der Komfortzone stattfindet, wird letztlich helfen, den Ansprüchen der sich ständig verändernden VUCA-Welt gerecht zu werden. Dabei geht es ja nicht darum, dass jede Organisation nun eine Selbstorganisation werden soll, aber allein die Auseinandersetzung mit radikalen Ansätzen würde helfen, sich etwas mehr in Richtung moderne Führung zu entwickeln.
Selbstführung wird in Zukunft ein entscheidender Skill
Denn Selbstorganisation hat ja nichts mit «jeder macht ein bisschen, was er will» zu tun, sondern vielmehr mit knallharter Selbstführung. Nur wer sich selbst führen kann, wird in einer Welt von Influencern und künstlicher Intelligenz eine eigene starke Persönlichkeit entwickeln, die letztlich das Fundament jeder Führung ist. Diese verlangt auch von unserem Bildungssystem, dass wir der nächsten Generation möglichst früh die Möglichkeit geben, Selbstführung zu lernen. In einer Welt, in der wir trotz oder gerade aufgrund von zu vielen Nachrichten und «Influencern» oft sehr schlecht informiert sind, ist es entscheidend, dass wir selbst in die Hand nehmen, wie wir mit all diesen Einflussfaktoren umgehen und dabei unseren eigenen Weg entwickeln.
Die nächste Generation Führung braucht Selbstführer
Auch ich bin in einer pyramidalen Führungsstruktur gross geworden. Ich habe darin grossartige und sehr schlechte Führung erlebt. Dabei habe ich die Erfahrung gemacht, dass es auch in einer pyramidalen Struktur Führungskräfte gibt, die es schaffen, mit ihren Teams eine Vision zu entwickeln und je nach Vorgesetztem des Vorgesetzten erfolgreich und äusserst selbstorganisiert auf diese Vision hinarbeiten können. Auch bin ich davon überzeugt, dass es in der Interaktion mit Menschen immer eine Form von Führung geben wird, aber ob das Konzept von Kontrolle und Top-Down in Zukunft noch funktionieren wird, wage ich zu bezweifeln. Vielmehr möchte ich mich für ein Leader-Leader Konzept einsetzen, bei welchem sich Führungskräfte gegenseitig respektieren, sich gegenseitig unterstützen und ihre Organisationsform dieses Verhalten fördert.



